Ein Gedanke zum Weiterdenken

Rollen und Verantwortung

Wann trägt eine Rolle – und wann engt sie ein?

Von Bernhard Kuppek ·

Als meine aktive politische Tätigkeit endete, veränderte sich mehr als mein Terminkalender. Manche Kontakte wurden seltener. Gespräche, die zuvor selbstverständlich gewesen waren, fanden nicht mehr in derselben Weise statt. Eine gemeinsame Aufgabe hatte Beziehungen mitgetragen. Mit ihrem Ende änderte sich auch deren Rahmen.

Wer bin ich, wenn meine Rolle wegfällt?

Mit dem Ende einer Funktion kann auch etwas von der vertrauten Orientierung verloren gehen. Was bleibt von mir, wenn eine Aufgabe, ein Titel oder die damit verbundene Anerkennung leiser wird? Diese Frage hat mich persönlich beschäftigt. Sie hat meinen Blick dafür geöffnet, wie viel zu meinem Leben gehört, das keine Funktion beschreiben kann.

Ich kann im Nachhinein nicht für jede Beziehung unterscheiden, welcher Anteil dem Menschen und welcher der Rolle galt. Weniger Kontakt erklärt mir auch nicht sicher die Beweggründe anderer. Eine Verbindung kann persönlich und zugleich von einer gemeinsamen Aufgabe geprägt gewesen sein. Wenn diese Aufgabe endet, muss deshalb nicht alles Frühere seinen Wert verlieren.

Eine Rolle gibt Zuständigkeit und Einfluss. Sie kann Orientierung schaffen und vieles ermöglichen.

Im beruflichen Alltag begegnet mir auch die umgekehrte Bewegung: Eine Rolle kann entstehen, ohne ausdrücklich vergeben worden zu sein. Wer wiederholt organisiert, klärt und einen nächsten Schritt findet, wird mit der Zeit selbstverständlich dafür zuständig. Andere verlassen sich darauf. Der Handelnde selbst vielleicht ebenfalls.

Ich kenne diese Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, gut. Sie gehört zu meinen Stärken. Gerade deshalb muss ich aufmerksam bleiben. Habe ich eine Aufgabe bewusst übernommen? Ist daraus eine dauerhafte Erwartung geworden? Und ist sichtbar, welchen Rückhalt ich brauche, um meinen Beitrag leisten zu können?

Dabei geht es auch um das Zusammenspiel. Mein schnelles Übernehmen kann anderen vermitteln, dass eine Situation bereits ausreichend getragen ist. Zugleich bleibt ihre Verantwortung bestehen. Sie entsteht nicht erst dann, wenn ich ausdrücklich darum bitte.

Eine geklärte Rolle lässt sich besprechen. Sie macht erkennbar, was ich entscheide, was ich vorbereite und wo andere beitragen müssen. Auch Grenzen gehören dazu. Ich kann eine Aufgabe gerne erfüllen und dennoch sagen, dass ich sie unter den gegebenen Bedingungen nicht zusätzlich oder nicht allein übernehmen kann.

Für mich verbindet sich damit ein Gedanke, der über Führung hinausreicht: Ich möchte dazu beitragen, dass etwas entsteht, das mich irgendwann nicht mehr braucht. Dafür muss ich anderen zutrauen, Verantwortung zu tragen, und darf nicht jede offene Stelle selbst ausfüllen.

Zum Mitnehmen

Eine Frage zum Weiterdenken

Welche Verantwortung übernehme ich heute aus einer bewussten Entscheidung – und welche trage ich weiter, weil inzwischen alle damit rechnen?

Weitere Themen entdecken

Alle Themen im Überblick