Ein Gedanke zum Weiterdenken
Sprache und Haltung
Was bewirken unsere Worte zwischen Menschen?
An einen Krankenhausaufenthalt erinnere ich mich bis heute wegen einer kurzen Begegnung. Die Frau meines Zimmernachbarn kam, um ihren Mann abzuholen. Bevor beide gingen, wandte sie sich mir zu, legte mir die Hand auf den Arm und sagte: „Alles wird gut.“
Sie konnte nicht wissen, wie meine Genesung verlaufen würde. Ich hörte ihren Satz auch nicht als medizinische Zusicherung. Trotzdem gab er mir Zuversicht. Für einen Augenblick war da jemand, der mich mit meiner Unsicherheit wahrnahm.
Diese Erfahrung hat meinen Blick auf Sprache verändert. Ein Satz wirkt durch seinen Inhalt, aber ebenso durch den Menschen, der ihn ausspricht, durch den Zeitpunkt und durch die Beziehung, in der er ankommt. Dieselben Worte können trösten oder leer bleiben. Eine sachlich richtige Erklärung kann Orientierung geben und zugleich an dem vorbeigehen, was ein Mensch gerade braucht.
In beruflichen Gesprächen erlebe ich eine andere Seite dieser Wirkung. Wer eine Wortmeldung rasch als Widerstand einordnet, hört anschließend vor allem das Störende darin. Wer genauer nachfragt, kann eine Erfahrung entdecken, die bisher keinen Platz hatte. Vielleicht verändert sich die Entscheidung dadurch nicht. Aber ihre Grundlage kann vollständiger werden.
Warum reden wir manchmal aneinander vorbei?
Manchmal erkläre ich meine Sicht immer genauer und erreiche mein Gegenüber trotzdem nicht. Vielleicht fehlt keine weitere Erklärung, sondern eine Frage: Was ist beim anderen angekommen – und was beschäftigt ihn gerade? Dieselben Worte können für uns Unterschiedliches bedeuten.
Auch in meiner Mediationsausbildung beschäftige ich mich mit dem Unterschied zwischen Absicht und Wirkung. Ich kann etwas anders gemeint haben, als es angekommen ist. Meine Absicht bleibt wichtig. Sie erklärt jedoch nicht vollständig, was mein Gegenüber erlebt hat.
Für mich folgt daraus eine sprachliche Verantwortung. Wenn ich sage, dass ich eine Situation anders erlebt habe, beschreibe ich meine Wahrnehmung. Wenn ich behaupte, der andere habe sie falsch erlebt, beanspruche ich bereits die Deutung über seine Erfahrung. Diese kleine Verschiebung kann entscheiden, ob ein Gespräch weitergeht.
Eine zugewandte Sprache braucht dabei Klarheit. Sie darf Probleme benennen, widersprechen und Grenzen ausdrücken. Ich möchte einen Fehler ansprechen können, ohne einen Menschen auf diesen Fehler festzulegen. Ich möchte eine Belastung erklären können, ohne sie kleinzureden. Und ich möchte zugeben dürfen, dass mir eine Antwort noch fehlt.
Haltung wird in solchen Momenten hörbar. Sie zeigt sich darin, ob ich tatsächlich verstehen möchte, ob ich Verantwortung für meine Worte übernehme und ob mein Gegenüber nach meinem Satz noch etwas sagen darf.
Manchmal beginnt das mit einer Pause. Mit dem Entschluss, die erste Reaktion noch nicht auszusprechen. Diese Zeit kann helfen, einen Satz zu finden, hinter dem ich auch später noch stehen kann.
Zum Mitnehmen
Eine Frage zum Weiterdenken
Welcher meiner häufig verwendeten Sätze macht ein Gespräch enger – und wie könnte ich dasselbe Anliegen klar und zugewandt ausdrücken?
