
Folge 03
Räume, die wir einander geben
Bernhard Kuppek
Folge 03 · Räume, die wir einander geben
Willkommen bei „Was danach entsteht – der Denkweg“.
In den ersten beiden Folgen ging es um unterschiedliche Wirklichkeiten und um die Frage, was zwischen uns entsteht, wenn jeder versucht, recht zu behalten.
Heute möchte ich den Blick auf etwas richten, das beides verbindet: den Raum, in dem Begegnung überhaupt möglich wird. Und den Rahmen, der diesem Raum Orientierung gibt.
Ein Satz aus meinem Denkweg lautet: Die Rolle gibt den Rahmen. Der Mensch gestaltet den Raum.
Wir leben in Rollen. Als Führungskraft, Mitarbeiter, Vater, Partner, Mediator, Einsatzkraft, politisch Verantwortliche oder ehrenamtlich Engagierter. Rollen sind notwendig. Sie klären Zuständigkeiten. Sie schaffen Orientierung, Verantwortung und manchmal auch Schutz. Ein Notarzt hat einen anderen Auftrag als die Krisenintervention. Eine Führungskraft trägt eine andere Verantwortung als ein Mitarbeiter. Eine Verwaltung muss andere Regeln beachten als eine private Initiative.
Der Rahmen einer Rolle ist deshalb nicht das Problem. Ohne Rahmen kann ein Raum beliebig werden.
Wenn niemand weiß, wer entscheidet, wer Verantwortung trägt oder welche Grenze gilt, entsteht nicht automatisch Freiheit. Es kann auch Unsicherheit entstehen.
Aber ein Rahmen allein macht noch keine menschliche Begegnung. Rahmen können starr werden.
Folge 03 · Räume, die wir einander geben
Menschen können so vollständig in einer Rolle verschwinden, dass für das Gegenüber nur noch Funktion, Vorschrift oder Hierarchie sichtbar bleibt.
Menschlichkeit entsteht dort, wo Menschen innerhalb ihrer Rolle als Menschen anwesend bleiben. Wo sie den anderen nicht vergessen – und auch sich selbst nicht.
Menschen brauchen Räume. Systeme brauchen Rahmen. Menschlichkeit entsteht dort, wo beides zusammenpasst.
Für mich ist dieser Gedanke eng mit einer persönlichen Erfahrung in der Verwaltung verbunden. Meine hierarchische Position wurde zweimal abgestuft: vom Gruppenleiter zum Referatsleiter und schließlich zum Leiter der Geschäftsstelle. Aufgabe, Verantwortung und Mitarbeiterführung blieben im Wesentlichen bestehen. Die Veränderungen waren trotzdem kränkend. Denn Hierarchie ist nicht nur ein Organigramm. Sie berührt Anerkennung, Status und die Frage, wie ein Mensch im System eingeordnet wird.
Die beiden Abstufungen geschahen in einer Zeit, in der sich nach meiner Erkrankung auch das Verhältnis zu meinem damaligen Abteilungsleiter deutlich verändert hatte. Ob und wie stark beides miteinander zusammenhing, kann ich nicht abschließend beurteilen. Für mich waren diese Entscheidungen jedoch nie nur formale Veränderungen. Ich erlebte darin auch, wie persönliche Beziehungen, Abhängigkeiten und hierarchische Macht ineinandergreifen können.
Folge 03 · Räume, die wir einander geben
In der damaligen Situation habe ich vor allem gesehen, was mir genommen wurde. Das ist eine Wirklichkeit, die ich heute nicht kleinreden möchte. Eine Kränkung verschwindet nicht dadurch, dass man später kluge Sätze über sie formulieren kann.
Mit Abstand wurde jedoch eine zweite Wirklichkeit sichtbar. Das System hatte meine Position verändert, aber nicht automatisch meine Wirksamkeit. Der formale Rahmen war enger oder anders geordnet worden. Doch der Raum, den ich für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter halten und gestalten konnte, war nicht einfach verschwunden.
Das System hat meine Position verändert, aber nicht meine Wirksamkeit.
Dieser Satz bedeutet nicht, Hierarchie sei unwichtig. Formale Positionen entscheiden über Möglichkeiten, Ressourcen, Zugang und Macht. Es wäre zu einfach, so zu tun, als könne Haltung jede strukturelle Begrenzung aufheben. Aber Hierarchie und Wirksamkeit sind nicht dasselbe.
Eine hierarchisch niedriger eingestufte Person kann in einem Gespräch sehr wirksam sein. Eine Führungskraft kann trotz formaler Autorität in einem Moment wenig Sicherheit erleben. Ein Mensch ohne großen Titel kann Vertrauen schaffen, Orientierung geben und einen Raum öffnen, in dem andere handlungsfähig werden.
Hierarchie kann meine Position verändern. Sie entscheidet aber nicht allein darüber, welchen Raum ich für andere gestalten kann.
Folge 03 · Räume, die wir einander geben
Damit kommt eine zweite Frage ins Spiel: Wie gut kenne ich meine eigene Reichweite innerhalb eines Rahmens?
Selbst-Bewusstsein bedeutet für mich heute nicht nur, sich seiner Stärken sicher zu sein. Es bedeutet, den jeweiligen Rahmen lesen zu können, die eigene Wirksamkeit zu kennen und zugleich zu wissen, wie weit das eigene Selbst darin reichen kann, ohne sich zu verlieren.
Ein äußerer Rahmen kann sehr weit sein, während meine persönliche Grenze deutlich innerhalb dieses Rahmens liegt. Ich dürfte vielleicht mehr, möchte oder kann es aber in einer bestimmten Situation nicht tragen. Umgekehrt kann ein enger Rahmen Spielräume enthalten, die erst durch Erfahrung, Beziehung und Haltung sichtbar werden.
Die eigenen Grenzen liegen nicht automatisch an den Grenzen des Systems.
Das ist besonders in helfenden, führenden und öffentlichen Rollen wichtig. Wer nur auf die Möglichkeiten des Systems schaut, kann die eigene Belastbarkeit übergehen. Wer nur auf die eigene Unsicherheit schaut, nutzt vielleicht einen vorhandenen Spielraum nicht. Selbstkenntnis verbindet beides: Was ist möglich? Was ist meine Verantwortung? Was kann ich wirksam beitragen? Und wo beginnt eine Grenze, die ich ernst nehmen muss?
Folge 03 · Räume, die wir einander geben
Der Rahmen zeigt mir, was möglich ist. Selbstkenntnis zeigt mir, wie weit ich darin gehen kann.
Räume zu geben bedeutet nicht, alles offenzulassen. Eine gute Führungskraft muss Entscheidungen treffen. Eine Mediatorin muss den Prozess schützen. Eine Einsatzorganisation braucht klare Abläufe.
Eltern setzen Grenzen. Politik und Verwaltung sind an Recht, Zuständigkeit und Ressourcen gebunden.
Die Frage ist nicht, ob es Grenzen gibt. Die Frage ist, wie wir innerhalb dieser Grenzen miteinander umgehen.
Kann eine Führungskraft sagen: Das weiß ich gerade nicht? Kann ein Mitarbeiter einen kritischen Gedanken äußern, ohne dass seine Rolle dadurch grundsätzlich infrage gestellt wird? Kann eine Verwaltung eine Vorschrift erklären, ohne den betroffenen Menschen hinter dem Akt zu verlieren? Kann ein politischer Konflikt klar geführt werden, ohne dem anderen jede gute Absicht abzusprechen?
Offenheit braucht dabei nicht nur die Erlaubnis zu sprechen. Offenheit braucht auch die Fähigkeit, Wirkung auszuhalten.
Organisationen laden Menschen oft ein, sich einzubringen. Doch wenn jemand wiederholt gute Fragen stellt, auf die es keine schnelle Antwort gibt, kann diese Offenheit anstrengend werden. Nicht nur der Inhalt wirkt. Auch Hierarchie, sprachliche Sicherheit, Zeitpunkt, Häufigkeit und die informelle Wirksamkeit im Raum spielen mit.
Folge 03 · Räume, die wir einander geben
Für Führung kann es dann bedeuten, die eigene Unsicherheit auszuhalten, ohne sie als Verlust der Rolle zu erleben. Sätze wie „Das weiß ich gerade nicht“, „Darüber muss ich nachdenken“ oder „Da hast du möglicherweise einen Punkt“ machen eine Führungskraft nicht automatisch kleiner. Sie können Verlässlichkeit zeigen.
Für Mitarbeitende bedeutet Offenheit umgekehrt auch, den Rahmen zu lesen. Wann ist ein Beitrag hilfreich? Wie häufig bringe ich ihn ein? Welche Wirkung entsteht? Wie kann ich klar sein, ohne den gemeinsamen Raum vollständig zu besetzen?
Raum ist keine Einbahnstraße. Er wird miteinander gestaltet.
Manchmal besteht die wichtigste Gestaltung eines Raumes darin, ihn nicht sofort zu füllen.
In der Krisenintervention wird das besonders deutlich. Schmerz, Verlust und Schock lassen sich nicht einfach wegnehmen. Es gibt Situationen, in denen keine Erklärung trägt und keine schnelle Lösung möglich ist. Wirksamkeit besteht dann vielleicht darin, dazubleiben. Einen Raum zu halten, in dem ein anderer Mensch für einen Moment nicht allein ist.
Dazu gehört Stille. Nicht aus eigener Unsicherheit heraus sofort zu sprechen. Nicht zu beschwichtigen.
Nicht vorschnell Sinn anzubieten, wo ein Mensch gerade nur Halt braucht.
Folge 03 · Räume, die wir einander geben
Im Aushalten der Stille kann mehr Halt liegen als in einer schnellen Antwort.
Halten heißt nicht, nichts zu tun. Es ist eine Form von Präsenz. Ich bleibe ansprechbar. Ich laufe nicht vor dem Schmerz davon. Ich muss den Raum nicht mit meiner Lösung besetzen. Und ich mute dem anderen nicht zu, mich durch eine rasche Beruhigung von meiner eigenen Unsicherheit zu entlasten.
Dasselbe Prinzip begegnet uns in Mediation, Führung und Beziehungen. Eine gute Frage muss nicht sofort beantwortet werden. Eine Differenz muss nicht sofort entschieden werden. Ein Mensch braucht manchmal keinen Rat, sondern einen Raum, in dem die eigene Wirklichkeit erst Worte finden kann.
Halten ist eine Form von Wirksamkeit. Und Wirksamkeit muss nicht laut sein.
Vielleicht liegt darin auch eine gesellschaftliche Aufgabe. Öffentliche Räume werden schnell eng, wenn nur fertige Positionen darin Platz haben. Wenn Unsicherheit sofort als Schwäche gilt. Wenn jedes Zögern verdächtig und jede offene Frage bereits einem Lager zugeordnet wird.
Gesellschaftliche Verständigung braucht deshalb nicht nur Redezeit. Sie braucht Räume, in denen Menschen ihre Sicht entwickeln dürfen, ohne sofort auf eine endgültige Position festgelegt zu werden.
Folge 03 · Räume, die wir einander geben
Räume, in denen Widerspruch möglich ist, aber Würde erhalten bleibt. Räume, in denen ein Rahmen Orientierung gibt, ohne den Menschen unsichtbar zu machen.
Das ist keine romantische Vorstellung von Harmonie. Solche Räume müssen gestaltet und geschützt werden. Es braucht Verantwortung, Grenzen und manchmal klare Intervention. Raum ohne Rahmen kann beliebig werden. Rahmen ohne Raum kann starr werden.
Die Kunst liegt vielleicht im Zusammenspiel: Die Rolle gibt den Rahmen. Der Mensch gestaltet den Raum. Haltung entscheidet, wie wir darin handeln. Sprache macht diese Haltung hörbar. Und Beziehung entscheidet mit darüber, ob wir ihr vertrauen.
Vielleicht nehmen Sie aus dieser Folge zwei Fragen mit. Welchen Raum gestalte ich für andere innerhalb meiner Rollen? Und welchen Raum brauche ich selbst, um wirksam zu sein, ohne mich zu verlieren?
Wir können nicht jeden Rahmen wählen. Manche Strukturen sind eng, manche Entscheidungen kränkend, manche Möglichkeiten begrenzt. Aber oft bleibt etwas gestaltbar: ein Gespräch, ein Blick, eine Erklärung, eine Grenze, ein Moment des Zuhörens oder eine Stille, die nicht verlassen wird.
Ich kann nicht alles kontrollieren – und muss es auch nicht. Aber etwas kann ich fast immer gestalten.
Folge 03 · Räume, die wir einander geben
Das Buch ist fertig. Der Denkweg nicht. Danke, dass Sie heute ein Stück mit mir weitergedacht haben.