
Folge 02
Was zwischen uns entsteht, wenn jeder recht behalten will
Bernhard Kuppek
Folge 02 · Was zwischen uns entsteht, wenn jeder recht behalten will
Willkommen bei „Was danach entsteht – der Denkweg“.
In der ersten Folge ging es um unterschiedliche Wirklichkeiten. Darum, dass Menschen dasselbe Geschehen erleben und dennoch zu verschiedenen, für sie stimmigen Deutungen kommen können.
Heute möchte ich einen Schritt weitergehen. Denn unterschiedliche Wirklichkeiten allein sind noch kein Konflikt. Konflikt entsteht häufig erst dort, wo aus meiner Wirklichkeit die einzig zulässige werden soll.
Die Frage dieser Folge lautet deshalb: Was entsteht zwischen uns, wenn jeder versucht, recht zu behalten?
Auf den ersten Blick scheint die Antwort einfach. Wenn jeder recht behalten will, entsteht Streit. Aber mich interessiert weniger, wer sich am Ende durchsetzt. Mich interessiert der Raum zwischen den Beteiligten. Was geschieht dort, während beide ihre Position verteidigen?
Vielleicht entsteht zunächst Enge. Wir hören nicht mehr, um zu verstehen, sondern um die Lücke in der Argumentation des anderen zu finden. Während der andere spricht, bereiten wir bereits unsere Antwort vor. Ein Satz wird nicht mehr als Mitteilung gehört, sondern als Angriff, Ausrede oder Beweisstück. Aus einem Gespräch wird schrittweise ein Verfahren, in dem jede Seite Material für die eigene Anklage sammelt.
Folge 02 · Was zwischen uns entsteht, wenn jeder recht behalten will
Dann entsteht Härte. Je weniger wir uns verstanden fühlen, desto deutlicher werden wir. Je deutlicher wir werden, desto stärker fühlt sich der andere zurückgedrängt. Er wird ebenfalls deutlicher. Beide erleben die Reaktion des anderen als Bestätigung dafür, dass die eigene Härte notwendig war.
So kann eine Schleife entstehen: Ich erhöhe den Druck, weil du mich nicht verstehst. Du verschließt dich, weil du meinen Druck erlebst. Dein Verschließen zeigt mir, dass ich noch deutlicher werden muss. Und meine Deutlichkeit bestätigt dir, dass Offenheit gefährlich ist.
Niemand hat diese Dynamik allein geplant. Und trotzdem gestalten beide sie mit.
Das ist der systemische Blick, der mich immer wieder beschäftigt: Nicht nur die einzelnen Absichten zählen. Entscheidend ist auch, welches Muster zwischen uns entsteht.
Zwei Menschen können mit guten Gründen handeln und gemeinsam etwas hervorbringen, das keiner von beiden wollte.
Rechthaben ist dabei nicht grundsätzlich falsch. Es gibt Situationen, in denen Klarheit notwendig ist.
Verantwortung braucht Entscheidungen. Grenzen müssen benannt werden. Fakten dürfen nicht beliebig werden. Und wer Unrecht erlebt, soll nicht aus falsch verstandener Harmonie schweigen müssen.
Folge 02 · Was zwischen uns entsteht, wenn jeder recht behalten will
Das Problem beginnt für mich dort, wo Recht nicht mehr der Klärung dient, sondern der Beziehung den gesamten Raum nimmt. Wo es nicht mehr genügt, die eigene Position zu vertreten, sondern der andere seine Wirklichkeit aufgeben muss. Wo mein Recht erst dann vollständig erscheint, wenn du zugibst, dass du falsch liegst.
Darin liegt das Paradoxon des Rechthabens: Ich kann im Inhalt gewinnen und im Dazwischen verlieren.
Ich bekomme Zustimmung, aber kein Vertrauen. Ich setze mich durch, aber der andere zieht sich zurück.
Ich sichere meine Position, aber der gemeinsame Raum wird kleiner. Vielleicht kann sogar jeder Beteiligte kurzfristig einen eigenen Erfolg verbuchen – und das System trotzdem gemeinsam verlieren.
Das sehen wir nicht nur in persönlichen Konflikten. Auch Organisationen und gesellschaftliche Systeme kennen dieses Muster. Ein Bereich grenzt sich ab, um die eigene Leistung sichtbar zu machen. Eine politische Gruppe schärft ihr Profil, indem sie der anderen jede Redlichkeit abspricht. Medien kritisieren einander so grundsätzlich, dass am Ende nicht nur ein einzelnes Medium, sondern das Vertrauen in das gesamte Feld beschädigt wird.
Folge 02 · Was zwischen uns entsteht, wenn jeder recht behalten will
Kritik ist notwendig. Systeme brauchen Widerspruch und Selbstkorrektur. Aber es macht einen Unterschied, ob Kritik eine Entscheidung, ein Verhalten oder eine Struktur hinterfragt – oder ob sie das gemeinsame Fundament zerstört, auf dem alle Beteiligten stehen.
Jeder kann kurzfristig gewinnen – und das System trotzdem gemeinsam verlieren.
Was wäre die Alternative? Sicher nicht, dass alle nachgeben. Verständigung bedeutet nicht, Konflikte zuzudecken oder Unterschiede kleinzureden. Sie bedeutet auch nicht, dass Macht, Verantwortung und Folgen unsichtbar werden.
Vielleicht liegt die Alternative in einer anderen Frage. Nicht nur: Wer hat recht? Sondern: Wie bleiben wir miteinander verbunden, obwohl wir die Welt unterschiedlich sehen?
Diese Frage verändert den Auftrag. Ich darf meine Überzeugung behalten. Ich darf klar widersprechen.
Aber ich übernehme zusätzlich Verantwortung für den Raum, in dem dieser Widerspruch stattfindet.
Ich kann mich fragen: Muss der andere verlieren, damit meine Position Bestand hat? Kann ich benennen, was ich anders sehe, ohne dem anderen seine Würde abzusprechen? Bin ich noch neugierig auf etwas, das meine eigene Erklärung erweitern könnte? Und kann ich aushalten, dass eine Differenz heute nicht vollständig gelöst wird?
Folge 02 · Was zwischen uns entsteht, wenn jeder recht behalten will
Gerade der letzte Punkt ist schwierig. Wir möchten Spannungen gern rasch auflösen. Eine Antwort beruhigt. Eine Entscheidung beendet Unsicherheit. Doch schnelle Antworten erzeugen manchmal nur die Oberfläche von Klarheit. Darunter bleibt das Unverstandene bestehen.
Aushalten klingt passiv. Für mich kann es jedoch eine hochaktive Form von Präsenz sein. Nicht sofort reagieren zu müssen. Nicht vorschnell zu bewerten. Nicht gleich zu beschwichtigen oder zu gewinnen.
Und trotzdem dazubleiben.
Aushalten heißt nicht, nichts zu tun. Es heißt, nicht vorschnell etwas tun zu müssen.
In einer Mediation kann eine gute Frage eine Weile im Raum bleiben. In einer Führungssituation darf eine Mitarbeiterin einen Punkt haben, auf den es noch keine fertige Antwort gibt. In einer Beziehung muss ein unterschiedliches Erleben nicht sofort zu einer gemeinsamen Geschichte verschmolzen werden.
Manchmal entsteht Verständigung erst, wenn zwei Wirklichkeiten eine Zeit lang nebeneinander bestehen dürfen.
Dazu braucht es Haltung. Haltung ist mehr als Meinung. Eine Meinung sagt, was ich über eine Sache denke. Haltung zeigt sich darin, wie ich einem Menschen begegne, der anders denkt. Sie zeigt sich darin, wie ich widerspreche, Macht einsetze, Unsicherheit aushalte und Verantwortung übernehme.
Folge 02 · Was zwischen uns entsteht, wenn jeder recht behalten will
Verlässlichkeit kann dabei wichtiger werden als Berechenbarkeit. Berechenbarkeit sagt: Ich weiß, welche Meinung du haben wirst. Verlässlichkeit sagt: Ich weiß, aus welcher Haltung heraus du mir begegnen wirst.
Menschen müssen nicht immer vorhersehbar sein, damit Sicherheit entstehen kann. Manchmal entsteht Sicherheit dadurch, dass wir wissen: Dieser Mensch wird mich nicht abwerten, nur weil wir verschiedener Meinung sind. Er wird klar sein, aber nicht vernichten. Er wird Verantwortung übernehmen, ohne mich aus dem gemeinsamen Raum zu drängen.
Das ist anspruchsvoll. Denn Haltung zeigt sich nicht in den einfachen Gesprächen. Sie zeigt sich dort, wo wir uns missverstanden, gekränkt oder bedroht fühlen. Dort, wo der Wunsch, recht zu behalten, auch der Versuch ist, die eigene Identität, Zugehörigkeit oder Würde zu schützen.
Vielleicht hilft es, hinter einer harten Position nicht sofort nur Starrheit zu sehen. Manchmal schützt ein Mensch etwas, das ihm wichtig ist. Eine Erfahrung. Eine Verantwortung. Ein Bedürfnis nach Anerkennung. Eine Grenze. Das erklärt nicht alles und entschuldigt nicht jedes Verhalten. Aber es erweitert den Blick.
Folge 02 · Was zwischen uns entsteht, wenn jeder recht behalten will
Und vielleicht kann ich auch mich selbst fragen: Was verteidige ich gerade wirklich? Geht es um die Sache? Geht es um meine Rolle? Um ein früheres Erlebnis? Um die Angst, an Bedeutung zu verlieren?
Oder darum, dass ich endlich gehört werden möchte?
Solche Fragen nehmen der eigenen Position nicht ihre Stärke. Im Gegenteil. Nicht die schnelle Meinung macht eine Position stark. Ihre Stärke kann daraus entstehen, dass sie andere Möglichkeiten ausgehalten hat.
Gesellschaftliche Verständigung braucht deshalb nicht Einigkeit um jeden Preis. Sie braucht die Fähigkeit, Differenz auszuhalten und trotzdem Verantwortung für den gemeinsamen Raum zu übernehmen.
Wir dürfen streiten. Wir dürfen klare Grenzen ziehen. Wir dürfen Entscheidungen kritisieren. Aber vielleicht sollten wir öfter darauf achten, was unser Streit zusätzlich hervorbringt: mehr Erkenntnis oder nur mehr Lager? Mehr Verantwortungsfähigkeit oder nur mehr Abwehr? Einen größeren gemeinsamen Raum – oder eine immer engere Bühne, auf der am Ende nur noch Sieger und Verlierer Platz haben?
Die Frage „Wer hat recht?“ wird dadurch nicht bedeutungslos. Sie bekommt nur eine zweite Frage an die Seite: „Was entsteht zwischen uns, während wir darum ringen?“
Folge 02 · Was zwischen uns entsteht, wenn jeder recht behalten will
Vielleicht nehmen Sie heute genau diese Frage mit in das nächste schwierige Gespräch. Nicht als Methode. Eher als innere Unterbrechung. Einen kurzen Moment, in dem Sie neben der eigenen Position auch den Raum wahrnehmen, den beide gerade gestalten.
Ich muss mein Recht nicht aufgeben. Aber ich kann darauf verzichten, dem anderen seine gesamte Wirklichkeit zu nehmen.
Nicht: Wer hat recht? Sondern auch: Wie bleiben wir miteinander verbunden, obwohl wir die Welt unterschiedlich sehen?
Das Buch ist fertig. Der Denkweg nicht. Danke, dass Sie heute ein Stück mit mir weitergedacht haben.