
Folge 01
Wirklichkeit ist nicht Wahrheit
Bernhard Kuppek
Folge 01 · Wirklichkeit ist nicht Wahrheit
Willkommen bei „Was danach entsteht – der Denkweg“.
Das Buch ist fertig. Der Denkweg nicht. Und in diesem Podcast möchte ich diesen Weg hörbar weitergehen. Offen, persönlich und ohne den Anspruch, bereits fertige Antworten zu haben.
Ich möchte heute mit einem Satz beginnen, der mich schon lange begleitet. Er ist zu Beginn meiner Mediationsausbildung eher spontan entstanden. Damals habe ich gesagt: Konfliktparteien zimmern sich ihre jeweils eigene Wahrheit.
Der Satz hatte etwas Bildhaftes. Zwei Menschen erleben dieselbe Situation und bauen daraus zwei unterschiedliche Geschichten. Jede Geschichte wirkt in sich schlüssig. Jede hat ihre eigenen Balken, Wände und Fenster. Und manchmal stehen diese beiden Häuser so fest nebeneinander, dass eine Tür zwischen ihnen kaum noch vorstellbar scheint.
Je länger ich mich jedoch mit Konflikten, Beziehungen und Verständigung beschäftigt habe, desto weniger passend erschien mir das Wort Wahrheit. Nicht weil Wahrheit unwichtig wäre. Dort, wo es um überprüfbare Sachverhalte geht, brauchen wir sie. Aber im zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Raum geht es oft um etwas anderes. Es geht darum, wie ein Mensch ein Geschehen wahrgenommen, erlebt und gedeutet hat.
Dafür ist Wirklichkeit für mich der passendere Begriff.
Folge 01 · Wirklichkeit ist nicht Wahrheit
Wirklichkeit bedeutet nicht, dass alles beliebig ist. Und sie bedeutet auch nicht, dass jede Behauptung richtig sein muss. Wirklichkeit beschreibt zunächst, dass etwas für einen Menschen real geworden ist.
Eine Wahrnehmung, ein Gefühl, eine Erfahrung oder eine Deutung entfaltet Wirkung – selbst dann, wenn ein anderer Mensch dasselbe Geschehen völlig anders erlebt hat.
Vielleicht kennen wir das aus ganz alltäglichen Situationen. Zwei Menschen kommen aus demselben Gespräch. Der eine sagt: Das war eine offene, sachliche Aussprache. Der andere sagt: Ich habe mich überhaupt nicht gehört gefühlt. Einer erinnert sich an einen klaren Satz. Der andere erinnert sich vor allem an den Ton, an einen Blick oder an einen Moment des Schweigens. Beide waren im selben Raum.
Und trotzdem waren sie nicht in derselben Wirklichkeit.
Das ist für mich eine wichtige Unterscheidung: Dasselbe Geschehen erzeugt nicht automatisch dasselbe Erleben.
Wirklichkeit wird nicht aus einem Faden gesponnen. Biografie, Erfahrung, Rolle, Verantwortung, Informationsstand, Zeitdruck, Beziehung und die konkrete Situation greifen ineinander. Manchmal prägt ein früheres Erlebnis, was wir heute hören. Manchmal verändert unsere Aufgabe, worauf wir achten.
Folge 01 · Wirklichkeit ist nicht Wahrheit
Und manchmal sehen wir etwas nicht, weil unser Blick gerade an einer ganz anderen Stelle gebraucht wird.
Ein Beispiel wird für mich im Roten Kreuz besonders anschaulich. Ein Notarzt und die Krisenintervention können am selben Einsatzort stehen und dennoch unterschiedliche Wirklichkeiten erleben. Der Notarzt arbeitet mit medizinischer Dringlichkeit, Vitalfunktionen und Entscheidungen. Die Krisenintervention begegnet vielleicht Angehörigen, Schock, Orientierungslosigkeit, Abschied und der Frage, was einem Menschen in diesem Moment Halt geben kann.
Beide sehen etwas Reales. Keiner sieht deshalb automatisch das Ganze. Und keiner muss dem anderen absprechen, dass dessen Wirklichkeit an diesem Ort berechtigt ist.
Die Unterschiede entstehen hier nicht durch mangelnden guten Willen. Sie entstehen auch aus Auftrag, Rolle und System. Der medizinische Blick muss fokussieren. Der psychosoziale Blick muss anderes wahrnehmen. Gerade weil beide ihre Aufgabe ernst nehmen, sehen sie Verschiedenes.
Vielleicht ist das eine der schwierigsten Übungen in Konflikten: anzuerkennen, dass die Sicht des anderen für ihn real ist, ohne sie deshalb übernehmen zu müssen.
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Oft glauben wir, Anerkennung bedeute Zustimmung. Wenn ich anerkenne, dass du verletzt bist, muss ich dann eingestehen, dass ich dich verletzt habe? Wenn ich anerkenne, dass du eine Entscheidung als ungerecht erlebt hast, muss ich dann sagen, die Entscheidung sei objektiv ungerecht gewesen? Wenn ich deine Sicht gelten lasse, verliere ich dann meine eigene?
Ich glaube: Nein.
Anerkennen heißt zunächst nur, die Wirkung nicht zu leugnen. Ich kann sagen: Ich sehe, dass dieses Gespräch bei dir etwas ausgelöst hat. Ich verstehe vielleicht noch nicht vollständig, wie es dazu gekommen ist. Ich erinnere mich manches anders. Aber ich erkenne an, dass dein Erleben für dich real ist.
Dieser Schritt ist kleiner als Zustimmung. Und gleichzeitig ist er oft viel größer, als er zunächst wirkt.
Denn er nimmt dem anderen nicht sofort seine Wirklichkeit weg.
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Manchmal hilft dabei ein sehr einfacher Wechsel in der Sprache. Statt zu sagen: „So war das nicht“, kann ich sagen: „So habe ich es nicht erlebt.“ Der erste Satz schließt die Wirklichkeit des anderen. Der zweite beschreibt meine eigene. Statt „Du hast mich missverstanden“ könnte ich sagen: „Bei dir ist etwas anderes angekommen, als ich ausdrücken wollte.“ Damit bleibt Verantwortung möglich, ohne vorschnell einen Schuldigen zu bestimmen.
Diese kleinen Unterschiede sind keine bloße Gesprächstechnik. Sie zeigen eine Haltung. Ich muss nicht so tun, als wären alle Wahrnehmungen gleich. Aber ich kann darauf verzichten, mich selbst zum Maßstab für alles Erleben zu machen. Vielleicht war meine Absicht gut und die Wirkung trotzdem verletzend. Vielleicht war die Entscheidung sachlich begründet und wurde dennoch als Kränkung erlebt.
Absicht und Wirkung können unterschiedliche Wirklichkeiten bilden. Reife Verständigung beginnt für mich dort, wo beides ausgesprochen werden darf.
Dann wird eine Entschuldigung auch nicht automatisch zum Schuldeingeständnis für die gesamte Geschichte. Ich kann bedauern, was bei einem Menschen angekommen ist, und zugleich meine eigene Sicht erklären. Nicht als Gegenbeweis, sondern als weiteren Faden in einem Bild, das eben nicht aus einem einzigen Faden gesponnen wird.
Folge 01 · Wirklichkeit ist nicht Wahrheit
Wirklichkeit verlangt nicht, dass ich die Sicht des anderen übernehme. Sie verlangt zunächst nur, dass ich anerkenne, dass sie für ihn real ist.
Das gilt auch für meine eigene Geschichte. Ich beanspruche nicht die Deutungshoheit über die Wahrnehmung anderer. Ich beanspruche lediglich die Autorschaft über meine eigene Geschichte.
Andere Menschen dürfen ein Bild von mir haben. Vielleicht ist es wohlwollend. Vielleicht kritisch.
Vielleicht trifft es etwas. Vielleicht verfehlt es mich. Freiheit bedeutet für mich nicht, dass mir diese Bilder gleichgültig werden. Freiheit bedeutet, dass ihre Wahrnehmung nicht allein darüber entscheidet, wer ich bin.
Ich muss das Bild eines anderen von mir nicht zerstören. Ich muss nur aufhören, ihm die ganze Leinwand zu überlassen.
Damit verschiebt sich auch die Frage, die wir in Konflikten stellen. Statt sofort zu fragen: Wer hat recht?, könnten wir zunächst fragen: Welche Wirklichkeiten sind hier aufeinandergetroffen? Was hat jeder gesehen? Was konnte er aufgrund seiner Rolle vielleicht gar nicht sehen? Welche Erfahrung hat einen Satz verstärkt? Welche Erwartung wurde enttäuscht? Und welche Wirkung ist entstanden, obwohl sie niemand beabsichtigt hat?
Folge 01 · Wirklichkeit ist nicht Wahrheit
Diese Fragen lösen einen Konflikt nicht automatisch. Aber sie verändern den Raum, in dem wir ihn betrachten. Sie machen aus zwei gegnerischen Behauptungen wieder menschliche Erfahrungen, über die gesprochen werden kann.
Das bedeutet nicht, Verantwortung aufzulösen. Unterschiedliche Wirklichkeiten dürfen nicht als Ausrede dienen. Handlungen haben Folgen. Entscheidungen können falsch, ungerecht oder verletzend sein. Macht bleibt Macht. Verantwortung bleibt Verantwortung. Aber Verantwortung lässt sich oft klarer übernehmen, wenn wir nicht zuerst darum kämpfen müssen, wessen Erleben überhaupt existieren darf.
Auch gesellschaftlich begegnet uns diese Herausforderung. Politik, Verwaltung, Medien, Familie, Arbeitswelt und Ehrenamt entwickeln jeweils eigene Blickrichtungen. Ein System achtet auf Rechtmäßigkeit, ein anderes auf Geschwindigkeit, ein drittes auf öffentliche Wirkung, ein viertes auf persönliche Betroffenheit. Wenn jede Seite ihre Wirklichkeit für die einzige hält, wird Verständigung eng. Dann erleben wir die anderen nicht mehr als Menschen mit einem anderen Auftrag oder einer anderen Erfahrung, sondern als Störung der eigenen Ordnung.
Vielleicht beginnt gesellschaftliche Verständigung deshalb nicht mit einer gemeinsamen Meinung.
Vielleicht beginnt sie mit der Bereitschaft, die Verschiedenheit unserer Wirklichkeiten auszuhalten.
Folge 01 · Wirklichkeit ist nicht Wahrheit
Nicht alles muss sofort zusammenpassen. Nicht jede Differenz muss aufgelöst werden. Manches darf zunächst nebeneinanderstehen. Darin liegt keine Schwäche. Es kann eine Form von Respekt sein – und eine Voraussetzung dafür, dass später etwas Gemeinsames entstehen kann.
Verständigung beginnt dort, wo wir nicht die eine Wahrheit suchen, sondern die unterschiedlichen Wirklichkeiten verstehen wollen.
Dieser Satz ist keine Absage an Klarheit. Er ist eine Einladung, vor der Klarheit einen Moment länger hinzusehen. Lange offen. Dann klar.
Vielleicht nehmen Sie aus dieser Folge eine Frage mit: Wo habe ich zuletzt versucht, die Wirklichkeit eines anderen zu korrigieren, bevor ich sie überhaupt verstanden hatte? Und wo wünsche ich mir selbst, dass jemand mein Erleben nicht sofort bewertet, sondern zunächst anerkennt?
Wir müssen die Welt nicht gleich sehen, um miteinander verbunden zu bleiben. Aber wir müssen einander zugestehen, dass unser jeweiliger Blick eine Geschichte, einen Rahmen und eine Wirkung hat.
Das Buch ist fertig. Der Denkweg nicht. Danke, dass Sie heute ein Stück mit mir weitergedacht haben.