Ein persönliches Lebensmotto

Nicht irgendwann. Jetzt.

Über das Unterwegssein, gesundheitliche Grenzen und die Freude an dem, was heute möglich ist

Von Bernhard Kuppek ·

Bernhard Kuppek und seine Frau Isabella lächeln bei einem gemeinsamen Selfie am Wasser; im Hintergrund stehen Schilf und Gräser.
Foto: Bernhard Kuppek (Selfie) · Bildrechte: Bernhard Kuppek

„Das macht man dann in der Pension“, haben sie gesagt.

Gemeint war das Unterwegssein mit dem Wohnwagen. Gemeinsam losfahren, einen schönen Platz finden und für eine Weile dort bleiben. Lesen, schreiben oder einfach nur dasitzen.

Ich verstehe den Gedanken dahinter. In der Pension, so die Vorstellung, hat man mehr Zeit. Der berufliche Alltag fällt weg, manches lässt sich freier einteilen. Darauf darf man sich freuen.

Trotzdem frage ich mich: Warum soll etwas, das uns heute Freude macht und möglich ist, erst später seinen Platz bekommen?

Auf dem Foto stehen unser Auto und der Wohnwagen zwischen Bäumen. Ein feiner Platz. Für mich zeigt dieses Bild etwas, das ich mir in meinem Leben bewusst zugestehen möchte: gemeinsame Zeit mit Isabella und die Möglichkeit, zwischendurch auch einmal woanders zu sein.

Ein Auto mit angehängtem Wohnwagen steht auf einem von Bäumen umgebenen Platz am Wasser.
Foto: Bernhard Kuppek · Bildrechte: Bernhard Kuppek

Mein Körper fährt mit

Wenn ich darüber schreibe, gehört meine gesundheitliche Geschichte dazu.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass nicht immer alles geht. Mein Körper setzt Grenzen. Manche Vorhaben brauchen mehr Ruhe, manche einen anderen Ablauf. Und manches ist gerade gar nicht möglich.

Diese Grenzen verschwinden auch dann nicht, wenn der Wohnwagen angehängt ist. Ich nehme mich ja selbst mit. Mit meiner Freude am Unterwegssein und mit dem, worauf ich achten muss.

Deshalb bedeutet „jetzt leben“ für mich auch, das eigene Tempo ernst zu nehmen. Ein Aufenthalt muss nicht mit Unternehmungen gefüllt sein. Es darf genügen, an einem schönen Ort zu sein und dort einen ruhigen Tag zu verbringen.

Ein Buch lesen. Ein paar Gedanken aufschreiben. Gemeinsam sitzen. Und merken: Für heute passt das so.

Ich möchte mir die Freude an dem, was geht, erhalten, ohne dafür über das hinwegzugehen, was gerade nicht geht.

Das mögliche Heute

Gesundheitliche Erfahrungen haben meinen Blick auf das Später verändert.

Ich kann planen und mich auf kommende Jahre freuen. Gleichzeitig weiß ich, dass sich Möglichkeiten verändern können. Was heute selbstverständlich erscheint, muss es später nicht sein. Das gilt für die Gesundheit ebenso wie für andere Lebensumstände.

Für mich folgt daraus kein Auftrag, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu erleben. So möchte ich mein Leben nicht führen.

Aber ich möchte aufmerksamer dafür sein, wenn etwas heute möglich ist und mir guttut. Dann darf ich es auch tun. Ich muss es nicht vorsorglich auf einen Lebensabschnitt verschieben, von dem ich noch gar nicht weiß, wie er aussehen wird.

Dabei geht es oft um recht überschaubare Dinge. Ein paar gemeinsame Tage. Einen Platz zwischen Bäumen. Zeit, in der nichts Besonderes passieren muss.

Blick durch einen Wald auf die Landschaft von der Kanzelhöhe
Kanzelhöhe auf der Gerlitzen, Kärnten · Foto und Bildrechte: Bernhard Kuppek

Neben den Aufgaben darf auch anderes Platz haben

Natürlich gibt es Verpflichtungen. Meine Arbeit, die Familie, meine Ausbildung und die Projekte, die mir wichtig sind. All das gehört zu meinem Leben.

Ich schreibe gern, entwickle Gedanken weiter und freue mich darüber, was aus meinen Projekten entsteht. Auch darin liegt für mich viel Lebendigkeit. Ich möchte etwas beitragen und Dinge weiterbewegen.

Zugleich darf es Zeiten geben, in denen ich nichts weiterbringen muss.

Nicht jeder freie Tag braucht ein Ergebnis. Ein Aufenthalt wird nicht erst dadurch wertvoll, dass ich ein Kapitel geschrieben oder etwas Neues entdeckt habe. Manchmal habe ich einfach gelesen oder lange dagesessen. Auch das darf eine gute Zeit gewesen sein.

Vielleicht fällt es mir heute leichter, beides nebeneinander stehen zu lassen: die Freude am Tun und die Freude daran, gerade nichts tun zu müssen.

Gemeinsam unterwegs

Wenn ich auf dieses Foto schaue, gehört Isabella für mich ganz selbstverständlich dazu.

Mit ihr unterwegs zu sein, ist ein wesentlicher Teil dessen, worauf ich mich freue. Der Wohnwagen ermöglicht uns, gemeinsam einen anderen Ort zum Alltag werden zu lassen – für ein Wochenende oder ein paar Tage.

Es braucht dafür nicht immer die große Reise. Auch eine Gegend in erreichbarer Nähe kann sich weit genug weg anfühlen, um anders auf den Tag zu schauen.

Und wenn es frisch und herbstlich ist, darf es trotzdem fein sein. Lesen und Schreiben brauchen keinen Hochsommer. Gemütliche gemeinsame Zeit ebenso wenig.

Bernhard Kuppek und seine Frau Isabella lächeln hinter zwei großen Eisbechern im Freien.
Foto: Bernhard Kuppek (Selfie) · Bildrechte: Bernhard Kuppek

Was später sein darf – und was schon heute

Ich freue mich auf das, was noch kommt. Auch auf Lebensabschnitte, in denen sich mein Alltag verändern wird.

Nur möchte ich die Gegenwart dabei nicht übersehen.

Für mich heißt das, Möglichkeiten wahrzunehmen und die eigenen Grenzen mitzubedenken. Manches werde ich verschieben müssen. Anderes wird anders aussehen als ursprünglich gedacht. Und einiges kann heute schon stattfinden.

Vielleicht ist genau das die Frage, die ich aus diesen Tagen mitnehme: Was tut mir gut und hat unter meinen heutigen Bedingungen Platz?

Meine Antwort steht auf diesem Foto zwischen den Bäumen.

Unser Wohnwagen. Gemeinsame Zeit mit Isabella. Etwas zum Lesen und Raum für Gedanken.

Nicht irgendwann. Jetzt.